Humorkritik (mit Servicelinks)

Hilmar Klute rechnet in der SZ mit der politischen Humorsituation ab, dass es dem entnervten Gebührenhinterzieher eine Freude ist:

[…] Je unbeholfener die Satire, desto größer die Garderobe.
Eine derart abgewetzte Humorästhetik ist auch das schönste Indiz dafür, dass es sich das deutschen Kabarett heute wieder auf dem Spaß-Sofa der achtziger Jahre bequem gemacht hat – das war jene Zeit, als sich eine Legion von Komikern, Parodisten und Politclowns um die besten Kohl-Witze prügelte.
Damals bildete sich in der ARD-Sendung ‚Scheibenwischer‘ eine schon damals schwer erträgliche kabarettistische Konsensgesellschaft, die nie einen Zweifel daran ließ, dass die da oben korrupt und kriegslüstern sind, während die Scheibenwischer nur ihren messerscharfen Witz und ihre erschütternde Ohnmacht ins Feld führen können.
Auf diesem Ödfeld ist der Humor in Deutschland inzwischen – wir befinden uns schon lange im neuen Jahrtausend – also tatsächlich wieder gelandet. Und vermutlich schaut er neidisch auf die fruchtbaren Äcker, welche ihm andernorts bereitet werden. In Israel zum Beispiel, wo die jüdisch-amerikanische Komikerin Iris Bahr ihre große Entjungferungsreise durch Asien startet und auf die Frequentierung ihres durch schwaches Verkehrsaufkommen beleidigten ‚Gaza-Streifens‘ zählt.
Iris Bahrs ziemlich köstliches Buch ‚Moomlatz‘ (auf Deutsch bei Frederking & Thaler) ist auch hierzulande ein Verkaufsschlager, es möge also keiner sagen, wir Deutschen seien halt immer nicht so empfänglich für schwarzen, jüdischen Humor. Den großen amerikanischen und überaus jüdischen Komiker Larry David mit seiner Serie Curb Your Enthusiasm ordern Heerscharen unserer Landsleute auf DVD bei Amazon, was bleibt uns übrig. In England baute Sacha Baron Cohen den Leuten bequeme Brücken zum Antisemitismus, auf welche sie tumb tapsen und wo sie am Ende in ihrer ganzen Erbärmlichkeit zu besichtigen und zu belachen waren.
In seinem neuen Projekt ‚Bruno‘ wird er die Modeindustrie bloßstellen, alleine die kurzen Bruno-Exzerpte auf YouTube sind komischer als alles, was im deutschen Fernsehen eine Perücke aufhat. Von der BBC und ihren grandiosen Serien Little Britain oder The Extras zu schweigen, wäre nun vernünftig, weil man ja sonst gleich sehr traurig wird.
[…]
Das Elend der deutschen Politkabarettisten ist, dass ihnen Selbstironie dabei so fremd ist wie der Zweifel an der Brauchbarkeit ihrer satirischen Instrumente. Schramm, Priol, Jonas, Richling und Rogler würden in sich zusammenfallen wie geplatzte Knalltüten, wenn sie an ihren geölten Satireapparaten auch nur eine Schraube drehen würden; wenn sie gar, wie Schmidt, ihr komplettes Genre in Frage stellten, wären sie verloren. Ihr Witz kennt nur eine Richtung, ihre Ironie wird nur durch hysterisches Augenzwinkern in Gang gehalten, und sie glauben ja allen Ernstes, auch wenn sie’s natürlich jovial leugnen, Korrektive der Staatsmacht zu sein.

Hier unbedingt ganz lesen! Und wenn Sie einen Eindruck gewinnen möchten, was zu zeigen das deutsche Fernsehen außer Stande ist, gucken Sie mal bei der BBC vorbei, im Netz kann man Little Britain sehen – die DVDs haben mein Wochenende gerettet!

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